37° 51′ Nord, 15° 17′ 17″ Ost. Um Mitternacht gibt der Kapitän des größten Vollmast-Schiffs der Welt die Kommandos zum Segelsetzen. Ein Dutzend Matrosen arbeitet an den Winschen. Sternenklarer Himmel, Vollmond; aus den Bordboxen erklingt „The Conquest of Paradise“ aus dem Kolumbus-Film „1492“. Der Wind fährt ins Tuch; die Segel knallen und flattern, dann ist plötzlich Ruhe. An 5 Masten sind nun über 5000 m2 Segel gehisst; das 134 m lange Schiff nimmt Kurs hinaus auf die Strasse von Messina. Ein Blick zurück auf Taormina lässt uns den Atem anhalten: über die Ostflanke des Ätna fließt rotglühende Lava. What a feeling....
Sie können es haben - (ohne Garantie der Ätna-Performance) - und zwar auf dem „Royal Clipper“, der Cruiseline „Star Clippers“!
Die 5-Mastbark und ihre 4-Mast-Schwesterschiffe „Star Clipper“ und „Star Flyer“ gehören dem Schweden Mikael Krafft. Er ist ein Exot unter den Reedern – kreativ, visionär und geschäftstüchtig. Ende der achtziger Jahre hatte Krafft, damals als Marineanwalt in Brüssel tätig, die Idee, Segelschiffe nach den Vorbildern legendärer Windjammer bauen zu lassen und als Kreuzfahrtschiffe einzusetzen. Dieser Plan war der claim to fame: seine drei Luxusyachten segeln ganzjährig und nahezu ausgebucht auf allen Weltmeeren. Ein viertes Schiff ist in Planung. Von Monaco aus managt er zusammen mit seiner Frau Ann Krafft das dolce vita unter vollen Segeln. Die Hochkonjunktur im Kreuzfahrt-Business verleiht seiner Geschäftsidee die richtige Brise. Trotzdem ist eine Schiffsreise auf einem dieser schwimmenden Plattenbauten (verzeiht ihr stolzen AIDA CARAS und COSTA FORTUNAS!), die einem mittlerweile in jedem Hafen entgegendümpeln, nicht zu vergleichen mit einer Reise auf einer eleganten „Star Clippers Yacht“.
Wir entschließen uns für einen 7-Tages-Törn an der ital. Westküste und den vorgelagerten Inseln, um auf der „ROYAL CLIPPER“, die Familientauglichkeit einer Segelkreuzfahrt und die Segeltauglichkeit unserer Familien zu testen. Mit ihren Eltern boarden in Civitavecchia unsere 4 Kids im Alter von 5 bis 14 Jahren. In Deutschland ist zwar Ferienzeit, trotzdem sind nur noch zwei weitere Kinder unter den insgesamt 200 Passagieren. Wir befürchten eine erhöhte, elterliche Bespassungspflicht am Sonnendeck, zu Unrecht wie sich schnell herausstellt. Nach wenigen Stunden sind die Kinder auf dem Radar der überwiegend asiatischen Service-Crew, die sich mit Humor und Aufmerksamkeit auf die jüngsten Passagiere einstellt und ohne Mühe die Dos and Don’ts für sicheres Verhalten an Bord vermittelt und immer einen Joke oder ein Eis über die Planken schiebt. Eine Tatsache, die wir auf dem riesigen Boot mit den vier Decks und unzähligen Auf- und Niedergängen sehr schätzen.
Bevor wir Erwachsenen die Orientierung auf dem 135 m langen Kahn finden, bestaunen die 4 Mädels ihre Doppelkabinen. Sehr gut organisiert: die Schwimmwesten unter dem Bett haben Kindergröße. Das DVD-Gerät und der Fernseher über dem Doppelbett versprechen ungestörtes Vergnügen zu jeder Zeit. Als wäre es die Erfindung des Jahrhunderts fasziniert sie jedoch das Kabinentelefon. Mit einem Höllenspaß kabeln sie sich durch alle Anschlüsse auf dem Schiff in allen erdenklichen Fantasiesprachen, bis wir am dritten Tag von einem älteren englischen Ehepaar gebeten werden, den Kindern doch bitte die Leitung abzudrehen. Wohl einmal zuviel die gleiche Nummer gewählt!
Das größte Vergnügen unterdeck ist der Fitness-Raum mit Laufbändern, Dampfbad, Massageräumen und Bullaugen unter der Wasseroberfläche. Diese Zone, von den erwachsenen Passagieren trotz mittelmäßigem Wetter nur sporadisch genutzt, wird zum Spielplatz. Das merken wir bei der Abreise, als uns die thailändische Masseurin eine Tüte mit Barbiezubehör in die Hand drückt.
Die Kinder erhoffen sich von dieser Reise Gaudi und das vor allem im Wasser. Die Väter freuen sich auf Seglerfeeling und keine falsch verstandenen Skipperpflichten, wie z.B. die Bordtoilette in Schuss halten oder die Verantwortung für Schlechtwetterfronten übernehmen und die Mamis wollen Wellness, Sonne und Soft-Sailing.
„Star Clippers“ verspricht die Erfüllung dieser banalen Kreuzfahrt-Sehnsüchte mit einem einleuchtenden Konzept: Gesegelt wird soviel wie möglich ohne jedoch den Wohlfühl-Faktor zu touchieren; Sport und Fitness stehen ebenso hoch im Kurs wie die tägliche Sehenswürdigkeit; Service und Komfort sind high standard; aber es geht entspannt zu auf diesem Cruiser: Dresscode und Dinner-Etikette sind leger. Leider kommt auch eine „Star Clipper Tour“ nicht ohne abendliches Entertainment und Animation aus. Was für uns Eltern nicht unbedingt zum Stil dieser Kreuzfahrt passt, ist für die Kinder der Hit. Sie amüsieren sich bestens und wir können uns ohne schlechtes Gewissen ausklinken. Der polnische Kapitän singt, die Crew bringt Slapstick, die Passagiere brillieren beim Musik-Quiz (wir waren ziemlich gut, aber der Schampus ging an die Kanadier) und die Kids verdienen sich ein T-Shirt bei Clipper’s Next Top Model.
Auf unserem Kurszettel stehen die Perlen im thyrrenischen Meer: Sorrent-Amalfi-Ponza-Capri-Taormina-Lipari-Stromboli. Jede Destination für sich ist ein Ferienaufenthalt wert und wir sollen im täglichen Galopp durch diese geografischen Highlights. Dazu die Offerten auf dem Schiff: Thai- und Fußreflexzonen-Massagen im Spa, mediterraner Scampi-Küchenkurs vom mitreisenden Sternekoch oder Degustation mit dem Bord-Somelier, Knoten- und Navigationskunde, Mastklettern für die Kinder, last not least die Angebote des skandinavischen Sportteams. Das Reich von Adam und Jens ist die „marina platform“ am Heck des Schiffs. Hier halten die beiden Blondschöpfe sämtliche Wassersportgeräte und den kindertauglichen Grundkurs dazu parat. Nicht parat sind die Wassertemperaturen auf dem gesamten Trip; so dass die Vorfreude auf Ski- und Wakeboardlessons zu ein paar steilen Kurven im Zodiac und ein bisschen Laser-Glück für die Väter verkommt. Sehr schade!
Meist ankert die „Royal Clipper“ in einer Bucht. Die Tenderboote fahren im 30 Minuten Takt zwischen Schiff und Hafen. Die Kinder geniessen diese Shuttles, denn sie garantieren höchste Unabhängigkeit von den Eltern bei den Ausflügen. Die Tendercrew schenkt den Kindern besondere Aufmerksamkeit, so können sie bereits am zweiten Tag ihre Landgänge planen und fahren meist alleine zum Schiff zurück, wenn die Eltern noch durch ein Hafenstädtchen bummeln.
Trotzdem bringen uns diese täglichen Vorhaben irgendwie in die Bredouille: eigentlich wollen wir in jeder Bucht nur noch im Klüvernetz chillen. Bloß nicht weg vom Schiff! Lasst die anderen Paxe ausströmen und uns an der Bar abends davon erzählen. Angela die Cruisedirektorin, jung, hübsch, dreisprachig - erklärt uns jeweils um 17 Uhr die möglichen Exkursionen am nächsten Zielort. Get it now or never! So lassen wir in Sorrent die großen Kinder mit ihrer Hoffnung auf Badewetter auf dem Schiff und zeigen den kleinen Pompeji. Ponzas Buchten erkunden wir mit einem klapprigen 10 PS Cabrio-Jeep. Capri laufen wir zum sunset an, mit der Zahnradbahn geht’s nach oben zum „people-watching“ in die legendäre „Bar Tiberio“. An diesem Abend versinkt die Sonne bei Capri leider nicht rot und die Fischer ziehen auch sicher nicht aufs Meer hinaus; die „Royal Clipper“ schaukelt bereits jetzt in der Marina Grande vor Capri. Windstärke 8 wird für die Nacht erwartet. Wie wird der Kapitän entscheiden? Wäre man jetzt mit einem privaten Charter unterwegs, würde man mit Sicherheit vor Capri abwarten. Aber die Kreuzfahrtlogistik lässt keinen Stopp zu.
Zwei Stunden nach Auslaufen gibt’s beim Dinner erste Pannen. Der Kapitän befiehlt aus dem Speisesaal per Telefon eine Kursänderung, damit das Essen noch serviert werden kann. So lange der noch an seinem Tisch sitzt ....
Die „RC“ kämpft sich durch die pechschwarze Nacht. In den Kabinen ist bereits Rock’n Roll und an Deck ist der aufrechte Gang unmöglich. Mehrere Kilos Südfrüchte purzeln in der Lounge aus den Etageren; aus dem Speisesaal tönts wie beim Polterabend. Die Kinder kriegen zum Dessert einen Kaugummi gegen Seekrankheit und wir legen sie mit Wolldecken und Spucktüten auf die Sofas in der Bibliothek. Sie ist am Oberdeck und in der Mitte des Schiffes, hier sollte es am wenigsten schaukeln. Ein Irrtum! Die Bücher kommen aus den Regalen, die Möbel machen sich selbständig und draussen an der Bar donnern die Gläser über den Tresen. Der Lärm ist furchterregender als das Geschaukel. Das erste Kind verlangt nach der Schwimmweste, die anderen ziehen nach. Um die Panik nicht zu schüren, verbieten wir das. Hilfe kommt vom Steuermann. Im Ölzeug baut er sich gegen Mitternacht vor den Kindern auf und verspricht Sicherheit: „this is a sailing ship, it’s normal“. Die Kleinsten lassen sich erschöpft vom Seegang in den Schlaf schaukeln, die Grösseren machen (mit den Müttern!) die Nacht durch bis zum Morgengrauen.
Am nächsten Morgen geht die „RC“ in der Bucht von Lipari vor Anker. Am Hafen stehen Miet-Vespas, mit denen wir mit Kind hintendrauf diese schöne Insel abfahren. Wahlweise bringt der Tender die sturmgeschwächten Passagiere auf die Nachbarinsel Vulcano zum entspannenden Schlammbad in der Schwefelzone mit anschließender Meerwasserspülung. Die Sturmnacht ist vergessen, wir tauchen wieder in die totale Komfortzone ein. Gastronomisch beginnt diese auf dem Clipper mit einem early bird breakfast um 6.30 Uhr (wer sich dazu aufraffen kann, erlebt die schönsten Stunden auf diesem Schiff) und endet nach fünf weiteren, excellenten Services um Mitternacht.
Den letzten Tag verbringen wir unter vollen Segeln und genießen noch mal das komplette Bordprogramm von der Morgengymnastik bis zum Dance Floor am Abend. Souverän beweist der Kapitän, dass er ein Kenner dieser Gewässer ist; pünktlich zum night cup erreicht er Stromboli und wir erleben, wie der Vulkan im 15 - Minuten Takt seine Vorstellung gibt. Obwohl es ein Familientörn ist: jetzt lassen wir die Kinder schlafen......
Preislich entspricht eine Segelkreuzfahrt auf der „RC“ für Familien dem Aufenthalt in einem gehobenen Clubdorf mit allen sportlichen und servicetechnischen Annehmlichkeiten, die in einem Club zu finden sind. Der Vorteil auf dem Schiff: kein Animations-Overkill, intime Atmosphäre und die Gewissheit, dass sich die einzelnen Familienmitglieder spätestens beim Ablegen der Bark mal wieder alle sehen.
hört sich nach einer sehr guten reise an. schön. möchte ich auch gern mal machen. also der beitrag hat mich eigentl dazu gebracht, so etwas auch mal zumachen.
Kommentiert von: Billigflug | 01. Februar 10 um 17:06 Uhr